|
Rechte der Frau in der Türkei: Große Defizite bei der Umsetzung bestehen fort
Nur ein eher zwiespältiges
Fazit konnte nach der Anhörung im Frauenausschuss
des Europäischen Parlaments über die Rolle der
Frau in der Türkei gezogen werden. Die Türkei
hat zwar in jüngster Zeit erhebliche Anstrengungen
unternommen, um die rechtliche Gleichstellung der Frau
durch eine Vielzahl von Gesetzesänderungen endlich
zu gewährleisten. Andererseits hat aber selbst die
anwesende türkische Ministerin für Gleichstellungsfragen
und einzige weibliche Vertreterin im Kabinett Erdogan,
Güldal Aksit, in ihrem Referat eingeräumt, dass
zwischen rechtlicher Theorie und gesellschaftlicher Praxis
noch erhebliche Lücken klaffen.
Noch immer prägen die bestehenden patriarchalischen
Familienstrukturen das Bild in der Türkei. Dies hat
zur Folge, dass die gesellschaftliche Stellung der Frau
dort nach wie vor schockierend gering ist. Vor allem im
Referat der türkischen Frauenrechtlerin Serap Cileli
ist dies sehr deutlich geworden: Demnach seien so genannte
'Ehrenmorde', Zwangsverheiratungen, Polygamie, Kopfgeld,
Mädchentausch, Jungfräulichkeitstests usw. noch
immer eher die Regel als die Ausnahme und dies nicht nur
in der Türkei selbst, sondern auch bei den im Ausland
lebenden Türken.
Dies hat auch der jüngste
'Ehrenmord' in Berlin, bei dem eine junge Frau von ihren
eigenen Brüdern im Namen der Familienehre umgebracht
wurde, wieder auf drastische Weise gezeigt. Von türkischen
Jugendlichen - zum Teil aus der dritten Zuwanderergeneration
- wurde dieser Mord sogar noch verteidigt.
Gemessen an europäischen Maßstäben wird
der jetzt angegangene Mentalitätswandel in der Türkei
und in den türkischen Zuwanderergruppen noch mindestens
eine Generation dauern. Die Aufgabe der Europäischen
Union wird es dabei sein, diesen gesellschaftlichen Wandel
mit allen zur Verfügung stehenden Kräften zu
fördern und zu unterstützen. Jedoch bedeutet
diese Tatsache aber auch, dass die Türkei auf absehbare
Zeit nicht beitrittsfähig ist.
|