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Doppeltes Nein zur EU-Verfassung muss Konsequenzen haben
Krisenstimmung ist angesagt
in der Europäischen Union: Nach dem doppelten Nein
bei den Referenden der beiden EU-Gründungsmitglieder
Frankreich und Niederlande ist ein Weiter-so', wie
es Kanzler Schröder und sein Duz-Freund Jacques Chirac
wieder einmal im Alleingang der europäischen Staatengemeinschaft
verordnen wollen, kaum denkbar.
Denn diese beiden Abstimmungsergebnisse waren mehr als
ein Betriebsunfall und mehr als Ventil für innenpolitische
Unzufriedenheiten: Viele Bürger - und zwar nicht
nur in Frankreich oder den Niederlanden - hegen ein tiefes
Unbehagen gegen den aktuellen Zustand der europäischen
Politik.
Das weitere Verfahren lässt nicht mit einem Griff
in die Trickkiste umlenken, auch wenn Schröder und
Chirac jetzt auf ein Zusatzprotokoll zum Verfassungsvertrag
setzen: Danach käme es zu einem Sondergipfel, wenn
am Ende des Ratifizierungsverfahrens 20 von 25 EU-Mitgliedsländer
zugestimmt haben sollten.
Doch selbst Optimisten halten ein solches Ergebnis zum
gegenwärtigen Zeitpunkt für unwahrscheinlich
- vor allem nach der Entscheidung Tony Blairs, das geplante
Referendum in Großbritannien auf unbestimmte Zeit
zu verschieben.
Die EU befindet sich in einer tiefen Krise, es verläuft
ein tiefer Graben zwischen dem Europa der Bürokraten
und dem Europa der Bürger.
Letztlich führen die Ergebnisse der beiden Referenden
genau das vor Augen, was wir als Europaabgeordnete immer
wieder kritisiert haben: Der Apparat der Europäischen
Kommission entwickelt eine bürokratische Dynamik,
deren Sinnhaftigkeit nicht immer nachvollziehbar ist und
deren Kontrollierbarkeit aufgrund der bislang nur begrenzten
Einflussmöglichkeiten des Europäischen Parlaments
kaum gewährleistet ist.
Wenn die Menschen in Europa zunehmend den Eindruck haben
müssen, die europäischen Einheitsregeln und
Standardisierungen sind Selbstzweck und tragen nicht zur
Verbesserung, sondern eher zur Komplikation ihres Lebens
bei, dann verweigern sie sich auf Dauer.
Genährt wird die wachsende Euroskepsis aber auch
durch die jüngste EU-Erweiterungspolitik: Niemand
will die enormen Reformanstrengungen der Beitrittskandidaten
schmälern, das ist allemal ein großer Sieg
der Demokratie. Doch angesichts der noch erheblichen Defizite
in allen Bereichen kam beispielsweise die Entscheidung
über den EU-Beitritt von Bulgarien und insbesondere
Rumäniens zu früh.
Wer mit derart überstürzten taktischen Manövern
und gegen politische Vernunft die EU und ihre Organisationsfähigkeit
überdehnt, treibt die Staatengemeinschaft in die
Überforderung und führt letztlich die Schwächung
der EU herbei. Das weckt bei den Bürgern Ängste
und Abwehr, aber bestimmt kein Vertrauen.
Beim Weg aus dieser Krise muss es innerhalb der Europäischen
Union heißen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren,
das Subsidiaritätsprinzip verstärkt anzuwenden
und nur dort Initiative zu ergreifen, wo die einzelnen
Mitgliedstaaten nicht effizient handeln können.
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