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November 2009/1 Tschechiens
Sonderweg – Herber Beigeschmack nach Unterzeichnung des Lissabon-Vertrags Vom schwedischen Regierungschef und
EU-Ratspräsidenten Fredrik Reinfeldt über
Frankreichs Premier Nicolas Sarkozy bis zur
deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel: Die Erleichterung steht den
europäischen Staats- und Regierungschefs ins Gesicht geschrieben. Denn der
tschechische Präsident Václav Klaus hat den Vertrag von Lissabon unterschrieben. Was Klaus einlenken ließ, war der Beschluss
des Brüsseler EU-Gipfels in der letzten Oktoberwoche, Tschechien ebenso wie
Großbritannien und Polen einen Sonderweg bei der Europäischen Charta der
Grundrechte einzuräumen. Die drei EU-Mitglieder sind damit rechtlich nicht an
die Menschenrechtscharta gebunden. Die politische Notwendigkeit dieser
Entscheidung ist unumstritten. Doch die Art und Weise, wie sie gefällt wurde,
ist eine Ohrfeige in das Gesicht des „vierten bayerischen Volksstammes“, der
Gemeinschaft der Sudetendeutschen. Mit dem Zugeständnis der europäischen
Staats- und Regierungschefs ändert sich zwar nichts an der Rechtslage der
Sudetendeutschen in Sachen Benes-Dekrete. Denn die
ursprüngliche Forderung von Klaus, die Benes-Dekrete
zum Gegenstand des reformierten EU-Vertragswerks zu machen, ist zum Glück
gescheitert. Doch gab es von keiner Seite auch nur ein Wort des Bedauerns
über das Schicksal von Millionen vertriebenen Europäern. Klaus konnte sein
zynisches Spiel ohne öffentliche Schelte auf dem Rücken der vertriebenen,
entrechteten Menschen und ihren Nachkommen austragen. Die Regierungschefs der
EU-Mitgliedstaaten wollten Klaus scheinbar eine oberflächliche
Gesichtswahrung ermöglichen. Kritik ist daher mehr als angebracht. Mit
seinem Verhalten hat Klaus die Kluft zwischen Tschechen und Sudetendeutschen
wieder geöffnet. Er hat im eigenen Land Befürchtungen geschürt, dass die nach
Ende des Zweiten Weltkriegs aus dem ehemaligen Gebiet der Tschechoslowakei Vertriebenen
ohne Ausnahmen bei der Grundrechtecharta ihr Eigentum zurückfordern könnten. Dabei
berührt die Grundrechte-Charta die Eigentumsordnung
der Mitgliedstaaten nicht im Geringsten. Sie diente dem Anti-Europäer Klaus
vielmehr als Instrument zum Schüren nationalistischer Ängste. Das kritisieren Vertreter der
Vertriebenenverbände und die CSU – allen voran mein Parlamentskollege Bernd Posselt - mit Fug und Recht. Die europäischen
Außenpolitiker in Spitzenpositionen hingegen halten sich bedeckt, mit Guido
Westerwelle wendet sich gar der deutsche Außenminister gegen die
sudetendeutsche Volksgruppe, indem er der Bundesvorsitzenden des Verbandes
für Vertriebene, Erika Steinbach, den Sitz im Stiftungsrat des Zentrums gegen
Vertreibung verweigern will. Für die Beziehungen zwischen Sudetendeutschen
und Tschechen und damit auch für den europäischen Einigungsprozess bedeuten diese
Entwicklungen einen herben Rückschritt. Nun dürfte auch die EU-freundlichere
Slowakei über eine ähnliche Ausnahmeregelung nachdenken. Doch das Land wird
aus den Fehlern Tschechiens lernen. Klaus hat mit seinem egoistischen Verhalten
viel von dem zerstört, was von Vertriebenenverbänden und einigen Politikern
in den vergangenen Jahrzehnten erreicht wurde. Gleichzeitig hat er seinem
eigenen Land geschadet, indem er es in Sachen Menschenrechte international
nur in die zweite Reihe gestellt hat. Ein ehrlicher Dialog und offener
Dialog, der zu einer Lösung des Vertriebenenproblems beitragen könnte, ist
auf diese Weise nicht möglich. Es stünde Tschechien gut zu Gesicht, wenn
Klaus nach geleisteter Unterschrift unter den Lissabon-Vertrag das Land nicht
länger repräsentieren würde. Denn europäische Freunde hat sich dieser
Präsident in seiner Amtszeit nicht gemacht. Haben Sie
zu diesem Thema Fragen oder Anregungen? Dann schreiben Sie mir bitte! |
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