Dezember 2007/ 1

Regierungskrise in Belgien - ein Land vor dem Zerfall?

 

Schon seit Monaten zeigen die Brüsseler Flagge. Wenn man in diesen Tagen durch die Straßen der belgischen Hauptstadt geht, sieht man wenig Weihnachtliches. Vielmehr fallen einem die schwarz-, gelb- und rotgestreiften belgischen Fahnen ins Auge, die aus den Fenstern von Privatwohnungen, Restaurants und Geschäften hängen. Ein Juwelier wirbt auf Plakaten für die belgische Einheit und ein Flame und eine Wallonin singen gemeinsam zur Melodie der belgischen Nationalhymne „Ik hou van jou, je t’aime“ - ich liebe dich. Dieses Lippenbekenntnis klingt fast unwirklich in einem Land, das derzeit tief gespalten ist.

 

Seit mehr als sechs Monaten steckt das kleine Königreich im Herzen Europas in der schwersten Regierungskrise seiner 177-jährigen Geschichte. Der flämische Christdemokrat Yves Leterme versucht seit dem 10. Juni 2007 erfolglos, eine neue Regierung zu bilden. Der Grund für das Scheitern: Die flämischen und wallonischen Parteien werden sich nicht einig. Denn aus dem ursprünglichen Problem, Christdemokraten und Liberale in einer Regierungskoalition unter einen Hut zu bringen, ist längst ein Sprachenstreit geworden, der selbst Parteigrenzen verwischt. Zwar gibt es sowohl unter Konservativen als auch Liberalen eine Zusammenarbeit mit der „ideologischen Schwesterpartei“ aus der jeweils anderen Landeshälfte. Im Rahmen der jüngsten Versuche zur Koalitionsbildung sind die politischen Meinungsunterschiede aber scheinbar unüberwindbar geworden.

 

Dabei sind die Bürger aus dem niederländischsprachigen Norden des Landes und die Bewohner des französischsprachigen Süden, die Flamen und Wallonen, langwierige Regierungsbildungen gewohnt. Jetzt aber beginnen sie, sich Sorgen zu machen. Fast täglich trifft sich die überwiegend französischsprachige Bevölkerung Brüssels zu Kundgebungen. Die Angst vor einer Trennung des Landes ist groß.

 

Stein des Anstoßes ist - wie so häufig - das liebe Geld. Aber auch über Jahrzehnte gegorener Neid spielt eine Rolle. Für lange Zeit gab in Belgien der wohlhabende Süden, Wallonien, den Ton in der Politik an. Erst mit dem wirtschaftlichen Aufschwung des hightech-orientierten Nordens und dem gleichzeitigen Niedergang der Kohle- und Stahlindustrie des Südens, wendete sich das Blatt. Während in Wallonien die Arbeitslosenquote seit einem Vierteljahrhundert die 15-Prozent-Marke nicht unterschritten hat, liegt sie in Flandern bei 6,5 Prozent. Der nördliche Teil Belgiens gehört zu den dreißig reichsten Regionen der Europäischen Union.

 

Die Flamen pochen deshalb auf größere Kompetenzen in der Steuer- und Sozialpolitik. Sie wollen den ärmeren Süden des Landes, mit dem sie außer in Brüssel praktische keine Berührungspunkte mehr haben, nicht länger mitfinanzieren und streben eine stärkere Regionalisierung an. Brüssel liegt zwar in Flandern, ist aber überwiegend von Wallonen bewohnt. Man spricht dort entweder französisch oder niederländisch. Und verständigt sich im Zweifelsfall auf dem Umweg über das Englische. Die von den Flamen jahrzehntelang empfundene Unterdrückung durch die Wallonen führt dabei zu kuriosen Auswüchsen in der Hauptstadt: In den überwiegend französischsprachigen Randgebieten Brüssels ist die Amtssprache im Stadtrat Niederländisch. Die dortigen Kommunen haben das Problem, dass sie offiziell zu Flandern gehören und die flämische Obrigkeit ihre Beschlüsse schlichtweg ignorieren würden, wären sie in Französisch verfasst. Auch am Brüsseler Flughafen tut sich der sprachliche Graben auf: Dort müssen die Piloten der Flugzeuge komplizierte Schleifen drehen, damit der Lärm ihrer Maschinen flämische Gemeinden nicht stärker belastet als wallonische. Inzwischen befürwortet eine Mehrheit der überwiegend flämischen Bevölkerung Belgiens eine Trennung des Landes.

 

Das Paradoxe an der Situation ist, dass die Trennung einen Staat treffen würde, dessen Hauptstadt mit dem Europäischen Parlament, der Kommission und dem Rat die wichtigsten Organe der Europäischen Union beheimatet: einer Gemeinschaft, die es sich seit ihrer Gründung vor 50 Jahren zum Ziel gesetzt hat, ihre Mitgliedstaaten einander näher zu bringen.

 

Alle Hoffnungen ruhen jetzt auf dem noch amtierende Regierungschef Guy Verhofstadt. König Albert von Belgien gab dem auch im wallonischen Landesteil geschätzten Flamen am 3. Dezember den Auftrag, in Gesprächen mit allen Parteien einen Ausweg aus der Krise zu finden. Ob der überzeugte Europäer und Verfechter eines vereinten Europas sein gespaltenes Land wieder vereinen kann, wagt niemand zu prognostizieren. Es ist den Bürgern und den Politikern dieses doch so sympathischen Landes  sehr zu wünschen, dass sie die Kraft finden, sich wieder zusammenzuraufen.

 

Haben Sie zu diesem Thema Fragen oder Anregungen? Dann schreiben Sie mir bitte!

Mehr Informationen zu diesem Themenkomplex finden Sie auf folgenden Seiten im Internet:

Link zur Homepage einer Bürgerbewegung für die Einheit Belgiens:

 

http://www.iwantyouforbelgium.be

 

Link zu einem Hintergrundbericht der Bundeszentrale für politische Bildung:

 

http://www.bpb.de/themen/H50KDD,,0,Politische_Krise_in_Belgien_.html

 

 

Impressum

Herausgeberin:
Dr. Angelika Niebler, MdEP

 

Bürgerbüro:
CSU-Kreisgeschäftsstelle
Münchener Straße 2
85560 Ebersberg
Telefon: (08092) 86 57 70
Telefax: (08092) 25 69 20

 

E-Mail: info@angelika-niebler.de
Internet:
www.angelika-niebler.de