Dezember 2007/ 3

Weihnachtliches Europa - So feiern unsere Nachbarn

 

Zur Weihnachtszeit gehören Adventskranz und -kalender, ein geschmückter Tannenbaum, das traditionelle Krippenspiel in der Kirche und die Bescherung am Heiligabend. Seit ihrer Kindheit können sich die meisten Deutschen die festlichste Zeit des Jahres nicht anders vorstellen. Dabei offenbart schon ein kurzer Blick über die Grenze, dass viele Menschen das Weihnachtsfest ganz anders feiern als wir.

 

Für die meisten Franzosen etwa ist der Dezember ein Monat wie jeder andere - Advent ist hier ein Fremdwort. Das bedeutet: keine Sonntage mit Kerzen und Plätzchen, keine gebrannten Mandeln und kein Glühwein. Lediglich die elsässischen Weihnachtsmärkte zaubern schon vor dem 24. Dezember einen Hauch von Weihnachten in die Luft. Die Feiertage stehen dann ganz im Zeichen des guten Essens. Viele französische Familien verbringen mehrere Stunden lang am festlich gedeckten Tisch.

 

Ähnlich verhält es sich in Italien. "Natale" (italienisch für Weihnachten) wird hier nicht ohne die gute "Pasta fatta a casa" zelebriert. Pasta fatta a casa sind Nudelgerichte in den unterschiedlichsten Variationen. Das wichtigste Weihnachtsaccessoire ist hier übrigens nicht der Weihnachtsbaum, sondern die Krippe. Daneben finden die italienischen Kinder am Morgen des 25. Dezember ihre Geschenke, die "Il Bambinello", das Christkind, gebracht hat. Um die Gunst des Schenkens konkurriert dieses in Italien aber noch mit einer Fülle anderer Gestalten. Der Weihnachtsmann, "Babbo Natale" genannt, kommt bereits in der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember. In manchen Gegenden verschenkt außerdem die Santa Lucia am 13. Dezember Süßigkeiten, während dies in anderen Gegenden die Hexe Befana übernimmt - allerdings erst am Dreikönigstag. Von ihr bekommen aber nur die braven Kinder kleine Aufmerksamkeiten. Die ungezogenen müssen mit Kohle vorlieb nehmen.

 

Diesen Brauch kennen auch die Spanier. Dort verteilt aber nicht die Hexe Befana Süßigkeiten oder Kohlenstücke, sondern die Heiligen Drei Könige - häufig nicht in aller Stille, sondern am Abend des 5. Januar auf den Straßen. Die Nacht des Jahres ist in Spanien für die meisten auch nicht der Heiligabend, sondern Silvester. Dann wird überall im Land eine ganz besondere Tradition zelebriert: Für jede der zwölf letzten Sekunden des Jahres wird eine Traube gegessen, damit man im nächsten Jahr Glück hat. Danach stößt man an, um das neue Jahr gebührend willkommen zu heißen.

 

Gruselig geht es dagegen in Litauen zu. Einmal im Jahr - am Heiligabend - kommen nach dem litauischen Volksglauben lebende und tote Familienmitglieder zusammen. Während des Festessens werden deshalb in manchen Familien extra Plätze für die Geister der toten Verwandten reserviert. Man deckt für sie auf, dekoriert ihren Stuhl und lässt am Ende immer noch einen Teller voller Speisen stehen - man weiß ja nie, ob die Toten schon satt geworden sind.

 

Geheimnisvoll ist auch die Vorstellung, dass Tiere an Weihnachten sprechen können. Dieser polnischen Legende nach wurden Tiere mit der Gabe des Sprechens bedacht, weil sie bei der Geburt Christi dabei waren. Noch heute sollen sie in der Heiligen Nacht um Mitternacht das Wort ergreifen können. Überhaupt ist wohl kaum ein anderes europäisches Weihnachtsfest so voller christlicher Symbolik wie das polnische. Bereits die Adventszeit wird hier von Kirchgängen und Fasten in Erwartung der Geburt Christi begleitet. Das Menü am Heiligabend z. B. soll nach polnischer Vorstellung eine ungerade Anzahl an Speisen enthalten - sieben für die Zahl der Wochentage oder neun für die Zahl der Engelschöre. Heutzutage weit verbreitet ist aber auch der Brauch, zwölf Speisen auf den Tisch zu stellen, die die zwölf Apostel symbolisieren. Besonders ungeduldig warten die Kinder in Polen am Heiligabend auf den ersten Stern am Abendhimmel. In Erinnerung an den Stern von Bethlehem darf nämlich erst mit den Festlichkeiten begonnen werden, wenn der erste Stern aufgegangen ist - und die Geschenke dürfen erst nach dem Essen ausgepackt werden.

 

Eher wild gebären sich unsere österreichischen Nachbarn. Dort treten Nikolaus und Christkind in den Hintergrund wenn Horden von lärmenden Krampussen und Perchten durch die Straßen ziehen. Der Zuckerl verteilende österreichische Nikolo wird nicht von Knecht Ruprecht begleitet, sondern von fiesen Gesellen mit gar furchterregenden Masken, Hörnern und zotteligen Kostümen, die für Halligalli sorgen - den Krampussen und Perchten. Während der Krampus dem deutschen Knecht Ruprecht nicht ganz unähnlich ist, handelt es sich bei Perchten um weibliche Dämonen, die aus einer heidnischen Tradition der Winter- und Dämonenaustreibung erwachsen sind.

 

Unvorstellbar wäre solch ein Weihnachtsbrauch für die Finnen. In dem Land, wo der Weihnachtsmann wohnt, verkleidet man sich zwar auch, aber nur als Weihnachtsmann oder Elfe, die von Natur aus friedlichere Wesen sind. Nach einer finnischen Legende wohnt der Weihnachtsmann im Berg Korvatunturi, der aussieht wie eine Ohrmuschel. Diese Form ermöglicht es dem Weihnachtsmann, die Wünsche aller Menschen laut und deutlich zu vernehmen.

 

Zu Weihnachten herrscht in der Europäischen Union also bunte Vielfalt. Weihnachten ist ein religiöses und kulturelles Fest und die Kultur liegt nicht im Zuständigkeitsbereich der EU, sondern ist Sache der Mitgliedstaaten. Ziel der Kulturpolitik der EU ist es sogar, die Vielfalt der europäischen Kulturen zu wahren und zu fördern. Vor einem EU-Einheitsweihnachtsmann braucht sich daher niemand fürchten...

 

Ihnen und Ihren Familien ein gesegnetes Weihnachtsfest und die besten Wünsche für das neue Jahr, verbunden mit einem Dankeschön für Ihre Treue zu unserem Europa-Telegramm und Newsletter.

 

Ihre Europaabgeordnete

 

Dr. Angelika Niebler, MdEP

 

 

 

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