Februar 2008/2

Der Vertrag von Lissabon - Licht und Schatten einer europäischen Vision

 

In den 70er Jahren fragte der damalige US-Außenminister Henry Kissinger frech, wen er in Europa anrufen solle, wenn er Europas Meinung zu einem bestimmten Thema wissen wollte. Mit einer Antwort hatte er wohl nicht gerechnet. Dennoch bekommt er sie - heute, fast 30 Jahre später. Schon bald liegen die außenpolitischen Geschicke der EU in den Händen eines Hohen Vertreters für die Außen- und Sicherheitspolitik. Die Zeit der langen Leitungen zwischen Europa und den USA könnte vorbei sein - auch dank des bevorstehenden Wechsels in der US-Regierung. Doch ob es zu einer Neudefinition der Rolle Europas in der Welt kommt, hängt von vielen Faktoren ab, die die Union weiter in eine unsichere Zukunft blicken lassen.

Der neue Posten des Hohen Vertreters wird geschaffen durch den Vertrag von Lissabon, dem das Europäische Parlament am Mittwoch mit überwältigender Mehrheit seine Zustimmung erteilte.

In einem eigenen Initiativbericht fordern die Abgeordneten eine schnelle Ratifikation des Vertrags durch die Mitgliedstaaten. Bereits Anfang nächsten Jahres soll der Vertrag nach dem Willen der Parlamentarier in Kraft treten, damit die Bürger bei den Europawahlen im Juni 2009 ihre Stimme in voller Kenntnis des neuen institutionellen Rahmens der EU abgeben können.

Der Vertrag gibt ganz besonders dem Parlament die Chance, eine Brücke zu den Bürgern zu schlagen und die Akzeptanz der Europäischen Union bei den Menschen deutlich zu verbessern. Für diesen Schritt wesentlich ist die Verbesserung der demokratischen Kontrolle durch die Ausweitung der Befugnisse des Europäischen Parlaments und die Einbeziehung der nationalen Parlamente in die Entscheidungsfindung. Der Vertrag bestärkt das Subsidiaritätsprinzip, nach dem Entscheidungen so nah wie möglich am Bürger gefällt werden sollen und stellt klarer heraus, auf welchen Politikfeldern die Union aktiv werden darf und auf welchen nicht. Positiv ist auch die Verbesserung der Handlungsfähigkeit der EU, insbesondere durch die Ausweitung der Mehrheitsentscheidungen im Rat, wodurch Entscheidungen seltener durch Vetos blockiert werden können.

Doch es gibt auch Schattenseiten. Ins Gewicht schlägt besonders, dass weder die gemeinsame Flagge noch die gemeinsamen Hymne - Symbole, die die Menschen mit Europa verbinden - in dem Vertragstext erwähnt werden. Politik lebt auch von Symbolen. Wie soll für die Idee der europäischen Einigung geworben werden, ohne dass Europa durch solche Symbole ein wenig "greifbarer" wird?

Problematisch ist auch, dass der Lissaboner Vertrag durch seine Struktur letztlich technokratisch und schwer lesbar bleibt, ganz im Gegensatz zum europäischen Verfassungsvertrag, der jedoch bei Referenden in Frankreich und den Niederlanden abgelehnt wurde.

Dennoch brauchen wir den Vertrag von Lissabon. Die Welt hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert. China und Indien entwickeln sich wirtschaftlich rasant zu starken Mitspielern auf der Weltbühne. Die Globalisierung zwingt uns mehr denn je, auch globaler zu denken. Wollen wir bei den Veränderungen und Umwälzungen in der Welt weiterhin in der Champions' League spielen, brauchen wir eine gewisse Größe und Kohärenz unter den Mitgliedstaaten der Europäischen Union.

Der Lissabonner Vertrag eröffnet viele Chancen. Sie müssen nur genutzt werden.

 

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Link zum Vertragstext:

 

http://www.consilium.europa.eu/uedocs/cmsUpload/cg00014.de07.pdf

 

 

 

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