März 2008/2

China tritt Menschenrechte mit Füßen - Europäisches Parlament debattiert Boykott der Olympischen Spiele

 

Die jüngsten Ereignisse in Tibet verschlagen einem die Sprache. Die Welle der Gewalt, die über das autonome Gebiet im Himalaya-Gebirge im Südwesten Chinas hereingebrochen ist, schockiert die Weltöffentlichkeit. Die tibetische Exilregierung spricht von 140 getöteten Mönchen und Zivilisten, tausende seien verhaftet worden. Dennoch fallen die Reaktionen der internationalen Staatengemeinschaft  erstaunlich verhalten aus. Umso bemerkenswerter ist die Initiative des Europäischen Parlaments, im April eine eigene Resolution zur Tibet-Frage zu verabschieden. Darin soll Peking aufgefordert werden, den Tibetern eine weitgehende Autonomie einzuräumen und sich Gesprächen mit dem Dalai Lama, dem religiösen Oberhaupt des Volkes, nicht länger zu verschließen. Auch ein Boykott der Olympischen Spiele, die im August 2008 in Peking ausgetragen werden sollen, wird nicht ausgeschlossen.

 

Die Frage, ob die Olympischen Spiele in Peking ein Politikum seien, stellt sich dabei nicht - sie waren es von Anfang an. Stimmen wie die des amerikanischen Präsidenten, die nun behaupten, dass die Olympiade keine politische sondern eine rein sportliche Veranstaltung sei, sind realitätsfern. Zuallererst China selbst nutzt die Spiele zu Propagandazwecken und präsentiert sich als weltoffene junge Großmacht, während es gleichzeitig im eigenen Land die Religions- und Meinungsfreiheit brutal unterdrückt. Doch was würde ein Boykott der Olympischen Spiele tatsächlich bewirken?

 

Die Hauptleidtragenden wären in diesem Fall die Athleten, die sich jahrelang auf die Olympiade vorbereitet haben und dann zusehen müssten, wie andere die Medaillen unter sich ausmachen. Noch dazu hat die Vergangenheit gezeigt, dass Boykotte der Olympischen Spiele wenig Wirkung entfalten und bald der Geschichte angehören. Weder der westliche Boykott der Spiele in Moskau 1980 noch der Gegenboykott der meisten kommunistischen Länder der Olympiade in Los Angeles vier Jahre später erzielten eine nennenswerte Wirkung. Sinnvoller wäre es daher, wenn die Spiele wie geplant stattfinden - allerdings begleitet von Protesten und Teilboykotten, sollte die chinesische Zentralregierung in der Tibet-Frage nicht einlenken. Im Fall einer weiteren Eskalation der Gewalt dürfen auch wirtschaftliche Sanktionen nicht ausgeschlossen werden.

 

Jeder Politiker, Sportler und Funktionär sollte sich schon jetzt Gedanken darüber machen, ob er es mit seinem Gewissen vereinbaren kann, an der Eröffnungszeremonie teilzunehmen. Auch Protestaktionen von Journalisten wird es sicher geben, da Presse- und Meinungsfreiheit in China nach wie vor nicht respektiert werden. So verweigert die chinesische Regierung seit Beginn der Unruhen ausländischen Journalisten die Einreise nach Tibet, obwohl mit den Olympia-Organisatoren ein freier Zugang für Medienvertreter aus der ganzen Welt vereinbart worden war. Derzeit ist es so für die westliche Presse unmöglich, sich von der Lage vor Ort ein genaues Bild zu machen. China bemüht sich, die tibetische Protestbewegung möglichst geräuschlos niederzuschlagen.

 

Gerade aufgrund der Olympischen Spiele gerät die Volksrepublik aber noch stärker unter Druck. Die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wird dadurch in diesem Jahr noch verstärkt und die internationale Toleranz ist begrenzt. Das wissen die Verantwortlichen in Peking. Schon bei der Vergabe der Spiele an Peking schwang die Hoffnung mit, dass China mit der Opposition im eigenen Land vorsichtiger umgeht, wenn die ganze Welt mit Argusaugen zuschaut. Sowohl ein sportlicher als auch ein wirtschaftlicher Boykott dürfen also schon allein deshalb nicht ausgeschlossen werden, weil sich die Europäische Union damit von vornherein ihre Einflussmöglichkeiten nehmen würde.

 

Selbstverständlich ist die Europäische Union an guten Beziehungen zu China interessiert - immerhin hängen vielfältige wirtschaftliche Interessen davon ab. Noch dazu wäre ein wirtschaftlicher Boykott sehr kostspielig. Eine Vielzahl europäischer Produkte kommt mittlerweile überwiegend aus China. Preisanstiege innerhalb der Europäischen Union wären wohl die Folgen von wirtschaftlichen Sanktionen. In letzter Konsequenz darf aber auch dieses Mittel nicht ausgeschlossen werden. Niemand will Ärger mit China - und doch kann ihm niemand aus dem Weg gehen. So lange der chinesische Präsident Hu Jintao Gespräche mit dem Dalai Lama verweigert und das Töten weitergeht, darf die Weltöffentlichkeit nicht schweigen.

 

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Mehr Informationen zu diesem Themenkomplex finden Sie auf folgender Seite im Internet:

 

Link zur Pressemitteilung des Europäischen Parlaments:

http://www.europarl.europa.eu/news/expert/infopress_page/004-24808-086-03-13-901-20080326IPR24807-26-03-2008-2008-true/default_de.htm

 

 

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