Juni 2008/1

Freie Berufe verdienen Sonderstellung - Abgeordnete wollen Verbraucher nicht ausschließlich dem freien Markt überlassen

 

Auf Unterschriftenjagd begeben sich Angelika Niebler und einige ihrer Kollegen im Europäischen Parlament in den kommenden Monaten. Mit einer schriftlichen Erklärung zur Bedeutung der  Freien Berufe für Europa möchten die Initiatoren die Europäische Kommission auf den besonderen Wert der freien Berufe für die europäische Gesellschaft aufmerksam machen.  Ärzte, Apotheker   und andere Freiberufler besetzen in der europäischen Wirtschaft Schlüsselpositionen. Allein in Deutschland gibt es derzeit rund 1 Million Freiberufler, die 2,8 Millionen Mitarbeiter beschäftigen und zusammen etwa 9 Prozent des deutschen Bruttoinlandprodukts erwirtschaften. In vielen Fällen stellen sie öffentliche Dienste des Allgemeinwohls auch in ländlichen oder finanziell unattraktiven Gegenden bereit. Nach Meinung der Abgeordneten sollte die Europäische Kommission diese Werte respektieren und die freien Berufe nicht ausschließlich nach marktwirtschaftlichen Kriterien beurteilen.

 

Die schriftliche Erklärung, die mindestens von der Hälfte der 785 Europaabgeordneten unterzeichnet werden muss, zielt darauf ab, die  Freien Berufe vor den Deregulierungsplänen der Europäischen Kommission zu bewahren. Seit Ende der 90er Jahre geht die Europäische Kommission verstärkt gegen marktbeschränkende Regelungen bei freien Berufen vor und hat bereits mehrere Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet. Ihrer Auffassung  nach handelt es sich bei den besonderen Regelungen der Mitgliedstaaten der Europäischen Union um Kartellabsprachen, die gegen das Wettbewerbsrecht der EU verstoßen. Im Ergebnis bestimmt damit der Europäische Gerichtshof und nicht der Gesetzgeber, wie die Grundversorgung mit Arzneimitteln in den Mitgliedstaaten geregelt wird.

 

Die  Freien Berufe können wettbewerbsrechtlich nicht wie der Supermarkt um die Ecke behandelt werden.  Andernfalls  steht  beispielsweise bei den Apotheken  zu befürchten, dass es zur Konzentration der Apotheken in den Händen einiger weniger Besitzer kommt, die allein nach marktwirtschaftlichen Kriterien agieren und wenig Rücksicht auf die Versorgungssicherheit nehmen. Folgen wären Versorgungsmängel insbesondere in ländlichen Gebieten und ein deutlicher Rückgang der Beratungskompetenz.

 

Um  ein solches oder ähnliche Szenarien zu verhindern, fordert die schriftliche Erklärung die Europäische Kommission auf, die Strukturen der Selbstverwaltung der  Freien Berufe anzuerkennen. Hierin liegt sogar - den Augen der Kommission bisher scheinbar verborgen - viel Potential zum Erreichen der Ziele der Lissabon-Strategie, da die freien Berufe in vielen Fällen Dienstleistungen übernehmen, die der Staat selbst nicht mehr übernimmt und deshalb eine Sonderstellung verdienen.

 

Die schriftliche Erklärung wird am kommenden Montag übersetzt zur Unterschrift für alle EU-Parlamentarier ausliegen. Angelika Niebler bringt die Erklärung gemeinsam mit ihren italienischen Kollegen Stefano Zappalà und Patrizia Toia sowie der Französin Françoise Grossetête und der Spanierin Cristina Gutiérrez-Cortines ein.

 

 

 

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Link zur Definition des Begriffs "schriftliche Erklärung":

 

http://www.europarl.europa.eu/activities/plenary/writtenDecl.do?language=DE

 

Link zu den aktuell im Europäischen Parlament ausliegenden schriftlichen Erklärungen:

 

http://www.europarl.europa.eu/activities/plenary/writtenDecl/wdFastOngoing.do?language=DE

 

 

 

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