Juni 2008/2

Reformprozess vorläufig gestoppt - Das Nein der Iren macht alle Menschen in Europa zu Verlierern

 

Es ist schon das zweite Mal in der Geschichte der Europäischen Union, dass der kleine Inselstaat Irland dem europäischen Reformprozess einen Dämpfer versetzt. Bereits im Jahr 2001 machten die Iren der EU einen Strich durch die Rechnung und stimmten gegen den Vorgängervertrag des Vertrags von Lissabon, den Vertrag von Nizza. Damals wurde das Referendum ein Jahr später wiederholt - mit dem Ergebnis, dass Irland dem Vertrag mit einigen zusätzlichen Erklärungen und Garantien doch noch zustimmte. Mit der Volksabstimmung am vergangenen Freitag hat nun erneut eine Mehrheit von knapp 110.000 Stimmen den Prozess der Reformen und der politischen Erneuerung für ein auf knapp 493 Millionen Menschen gewachsenes Europa vorläufig gestoppt. 53,4% der stimmberechtigten Iren sprachen sich gegen die Annahme des Vertrags von Lissabon aus, 46,6% dafür.

 

Das Nein der Iren ist  kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken, aber es stellt die Europäische Union vor eine der schwierigsten Herausforderungen ihrer Geschichte. Die Gründe für das vorläufige Scheitern sind teilweise absurd. Viele Iren schenkten den Behauptungen einiger Gegner des Vertrags von Lissabon Glauben, dass der Vertrag die Prostitution fördere, die Freigabe des Schwangerschaftsabbruchs erzwinge, Drogen legalisiere und die Steuern erhöhe. Diffamierend auch die Behauptung, er sei undemokratisch. Tatsache ist, dass der Vertrag von Lissabon im Vergleich zu den bisherigen Verträgen deutliche Fortschritte für die Bürger bringt.

 

Erstens schafft er mehr Demokratie und Transparenz, er stärkt das direkt gewählte Europäische Parlament, verbessert das Kontrollrecht der nationalen Parlamente und gibt den europäischen Bürgern das Recht, auf der Grundlage der europäischen Charta der Grundrechte Gerichte gegen Handlungen der EU anzurufen. Zweitens bringt er mehr Effizienz, er macht Schluss mit dem Blockaderecht einzelner Staaten, das die EU immer wieder gelähmt hat und verbessert dadurch ihre Handlungsfähigkeit. Drittens verbessert der Vertrag die Außenwirkung der EU, er stärkt die Rolle des "Hohen Vertreters der EU für die Außen- und Sicherheitspolitik" und führt einen europäischen diplomatischen Dienst ein. Dabei geht es für die EU nicht zuletzt darum, im Wettbewerb um Öl und Gas nicht abgeschlagen zu werden.

 

Die Verzögerung wichtiger Projekte, die vorerst auf Eis gelegt werden müssen, hat direkte Auswirkungen auf die europäischen Bürger. Allen voran in der Energie- und Klimapolitik. Der Vertrag von Lissabon macht die nachhaltige Entwicklung und den Klimaschutz zu einem eigenständigen Ziel der EU. Zwar ist die Idee der nachhaltigen Entwicklung bereits in geltenden Verträgen enthalten, dennoch könnte es durch den vorläufigen Stopp des Reformprozesses zu Verzögerungen kommen. Die Gefahr liegt beispielsweise in weiter steigenden Energiepreisen für die Verbraucher.

 

Wichtig ist deshalb nach der negativen Volksabstimmung in Irland eine Fortführung des Ratifikationsprozesses in den anderen EU-Staaten. Bislang haben 19 Mitgliedstaaten den Vertrag ratifiziert - darunter Deutschland, Frankreich und jüngst auch Großbritannien. Wichtig ist nun, die ausstehenden Ratifikationen fortzuführen und damit ein Signal an Irland zu senden, dass alle anderen EU-Staaten den Vertrag wollen. Es liegt jetzt an dem irischen Premierminister Brian Cowen und an den anderen europäischen Staats- und Regierungschefs, Führungsstärke zu zeigen und auf dem derzeit tagenden EU-Gipfel in Brüssel einen Weg aufzuzeigen, wie weiter verfahren werden kann.

 

Falsch wäre es, den Inhalt des Lissabonner Vertrags nochmals zu verhandeln, denn der vorliegende Vertrag ist das Ergebnis langjähriger Beratungen und bereits ein Kompromiss, mit dem alle zufrieden waren. Allein mit diesem Vertrag werden die Voraussetzungen geschaffen, dass die wesentlichen Herausforderungen bei der Energiesicherheit, dem Klimawandel, der Bekämpfung des Terrorismus und der organisierten Kriminalität gemeinsam bewältigt werden können. Verlierer des Votums in Irland sind deshalb alle Menschen in Europa.

 

Für uns Politiker heißt das Nein der Iren, dass wir noch mehr dafür tun müssen, um Vertrauen in die Europäische Union zu schaffen. Dazu gehört, noch mehr über Europa zu informieren. Auch darf nicht alles, was im eigenen Land schief geht, auf Brüssel geschoben werden. Ich persönlich wünsche mir, dass der Vertrag so schnell wie möglich in Kraft tritt. Eine mögliche Lösung wäre ein erneutes Referendum der Iren im Rahmen der Europawahl 2009.

 

 

 

Haben Sie zu diesem Thema Fragen oder Anregungen? Dann schreiben Sie mir bitte!

Mehr Informationen zu diesem Themenkomplex finden Sie auf folgenden Seiten im Internet:

 

Link zu den konsolidierten Fassungen der EU-Verträge:

http://eur-lex.europa.eu/JOHtml.do?uri=OJ:C:2008:115:SOM:DE:HTML

 

Link zu einem Hintergrundbericht der Bundeszentrale für politische Bildung:

http://www.bpb.de/themen/TQA20Q,0,0,EUReferendum:_Wie_hat_Irland_entschieden.html

 

 

 

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