Oktober 2008/2

 

Heilende Krise? - Die Turbulenzen auf den Finanzmärkten sind auch eine Chance

 

Mit Stand vom 10. Oktober sind seit Anfang dieses Jahres 18 Billionen Dollar Börsenwert vernichtet worden. Die Zahl ist unvorstellbar groß. Es ist eine Zahl mit 12 Nullen und sie hält die Wirtschaftswelt in Atem: Dieser Wert übersteigt das gesamte Bruttoinlandprodukt der Europäischen Union, das im Jahr 2007 bei geschätzten 13 Billionen Dollar lag. Besonders in den vergangenen Wochen sind die Kurse stark gefallen. Von diesem Schock erholen sich die Märkte nur langsam und auch nur dank milliardenschwerer Rettungspakete der Regierungen vieler Staaten wie der USA und Deutschland. Die 15 Länder der Euro-Zone hatten am Sonntag in Paris einen gemeinsamen Weg aus der Finanzkrise gebahnt. Diesem Beispiel sind die übrigen Mitgliedstaaten der EU nun gefolgt.

 

Am Anfang der Krise stand ein beispielloser Boom auf dem amerikanischen Immobilienmarkt - am Ende die Erkenntnis, dass die Moral in der Finanzwelt schon lange auf der Strecke geblieben ist. Seit 2001, besonders nach den Anschlägen vom 11. September, verfolgte die US-Notenbank eine Politik der niedrigen Zinsen um eine Panik unter den Anlegern zu verhindern. Die Notenbank behielt ihre Niedrigzinspolitik allerdings auch bei, als es der Wirtschaft in den Vereinigten Staaten längst besser ging. Innerhalb von zwei Jahren sanken die Zinsen von 6,5 auf 1 Prozent, erst Mitte 2004 begann die Zentralbank der USA, die Zinsen Schritt für Schritt zu erhöhen. Über Jahre hinweg war Geld also billig - und viele Amerikaner griffen zu.

 

Für deutsche Verhältnisse unvorstellbar: Nicht wenige Häuser wurden ohne einen einzigen Cent Eigenkapital finanziert. Mit steigenden Zinsen wurde es für viele Hausbesitzer schwieriger, ihre Kredite zu bedienen. Viele Hypotheken platzten und damit wurde eine folgenschwere Kettenreaktion ausgelöst. In den Zeiten des Booms hatten Immobilienfinanzierer ein scheinbar todsicheres Geschäft entwickelt, um die Risiken der Subprime Loans, d.h. die Hypothekenkredite an Kreditnehmer mit schlechter Bonität, klein zu halten: sie verkauften die Kredite einfach weiter. Die Käufer wiederum - Großanleger wie Banken und Hedge Fonds - stückelten sie oftmals bis zur Unkenntlichkeit, mischten gute und schlechte, bündelten das ganze neu und verkauften diese Pakete ebenfalls weiter. Am Ende der Kette standen oft Finanzkonstrukte wie die US-amerikanische "Rhineland Funding". Diese brachte im vergangenen Jahr die Deutsche Industriebank (IKB) an den Rand des Ruins. "Rhineland Funding" hatte mit einem Eigenkapital von lediglich 500 Dollar rund 13 Milliarden Dollar in Kredite und Spezialanleihen investiert und diese Geschäfte mit obskuren Wertpapieren gegenfinanziert. Die IKB hatte als Sicherheit für diese Geschäfte eine milliardenschwere Kreditlinie in Aussicht gestellt. Als die Rhineland die Garantie wegen fauler Kredite tatsächlich in Anspruch nehmen musste, drohte der IKB das Aus. Erst eine Rettungsaktion deutscher Banken unter Führung der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau konnte das verhindern.

 

Immer mehr Banken räumten in der Folge ein, von der Krise betroffen zu sein, weil auch sie in die faulen Kredite investiert hatten. Die Konsequenz der geplatzten Kredite ist eine weltweite Kreditklemme und ein verschlechtertes Investitionsklima, das für Verbraucher und Wirtschaft schwerwiegende Folgen haben wird. Die Bundesregierung prognostiziert für das Jahr 2009 nur noch ein Wachstum von 0,2 Prozent. Bisher waren es 1,2 Prozent. Gleichzeitig purzelte der Ölpreis in der letzten Woche auf den niedrigsten Stand seit 10 Monaten - ein Zeichen der Angst vor der Rezession.

 

Doch Angst ist ein schlechter Ratgeber. Was wir brauchen ist der Glaube an die heilende Krise und den Mut, unser Finanz- und Wirtschaftssystem nachhaltiger zu gestalten. Die Gier der Investmentbanken, die immer komplexere Finanzprodukte entwickelten, die sie selbst nicht mehr verstehen und beherrschen konnten, führt uns vor Augen, dass der Markt nicht ohne Regulierung funktionieren kann. Auch ist es dringend notwendig, die Anreize in der Finanzwelt zu hinterfragen. Manager von Investmentbanken, Hedge Fonds und Beteiligungsgesellschaften sind an den Gewinnen stark beteiligt. Die Verluste müssen hingegen von Aktionären, Investoren der Fonds, Gläubigern oder der Allgemeinheit getragen werden. Das Verhältnis von Chance und Risiko ist dabei komplett aus dem Gleichgewicht geraten. Kaum jemand versteht, warum er mit seinem Steuergeld für Verluste von Finanzhäusern haften soll, die von ebenso renditehungrigen wie hochbezahlten Investmentbankern in den Ruin getrieben wurden.

 

Doch der Politik bleibt keine andere Wahl, als rettend einzugreifen. Nur so kann sich das System wieder stabilisieren und ein Super-GAU verhindert werden. Der Vorschlag des bislang nur durch Untätigkeit aufgefallenen Binnenmarktkommissars Charlie McCreevy zur Reform der gesetzlichen Einlagensicherungssysteme von dieser Woche kommt daher ganz gewiss nicht zu früh. Aufgrund des von den EU-Mitgliedstaaten beschlossenen Hilfspakets für die Banken ist die Kommission nun gezwungen, auf dem Gebiet der Finanzmarktgesetzgebung endlich aktiver zu werden. Das Europäische Parlament hatte die Kommission jahrelang darauf gedrängt, Vorschläge zur besseren Regulierung der Finanzmärkte zu unterbreiten, war aber stets nur auf taube Ohren gestoßen.

 

Nach dem Kommissionsvorschlag sollen Spareinlagen von Privatkunden in der EU zunächst bis zu 50.000 Euro und ab 2010 sogar bis 100.000 Euro gesetzlich abgesichert werden. Außerdem sollen Kunden im Falle einer Bankenpleite innerhalb von drei Tagen ihre Einlagensicherungssysteme aufstocken und den Kunden ihre Spareinlagen schneller als bisher auszuzahlen.

 

Die weiten Kreise, die die Finanzkrise zieht, treffen auch auf die europäische Wirtschaft. Die Auswirkungen sind derzeit noch nicht absehbar. Erforderlich ist eine sorgfältige Analyse und der Mut, Korrekturen an politischen Initiativen vorzunehmen, die die Industrie in dieser schweren Zeit über Maß belasten. Dazu gehört, den Bürokratieabbau stärker als bisher voranzutreiben. Gleichzeitig müssen marktbasierte Instrumente wie der Emissionshandel sorgfältig auf internationaler Ebene abgestimmt werden um eine Überbelastung der europäischen Wirtschaft und den damit einhergehenden rezessionsverstärkenden Effekt zu vermeiden.

 

Haben Sie zu diesem Thema Fragen oder Anregungen? Dann schreiben Sie mir bitte!

Mehr Informationen zu diesem Themenkomplex finden Sie auf folgender Seite im Internet:

 

Link zur Bürgerinfo der Europäischen Kommission zu Einlagensicherungssystemen:

 

http://ec.europa.eu/internal_market/bank/docs/guarantee/citsum_de.pdf

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Dr. Angelika Niebler, MdEP

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