Juni 2010/2

 

Gottes vergessene Kinder – Verlust der Artenvielfalt nach wie vor nur Randnotiz

 

So wie der Eisbär zum Symbol für die Gefahren des Klimawandels geworden ist, könnte die Biene zum Sinnbild für den Verlust der biologischen Vielfalt werden. Ihr heimischer Lebensraum schrumpft  beinahe genau so schnell wie der des Eisbären. In Deutschland setzte sich diesen Winter fort, was Imker schon seit einigen Jahren mit wachsender Besorgnis beobachten: ein Viertel aller Bienen hat den Jahreswechsel nicht überlebt. Schuld daran sind in vielen Fällen Monokulturen, die keine ausreichende Nahrungsvielfalt bieten, häufig sterben Bienen auch an Pflanzenschutzmitteln.

 

Aber warum sollten wir uns um die Biene sorgen? „Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben“, soll Albert Einstein prophezeit haben. Die dieser Erkenntnis zugrunde liegende Rechnung ist deutlich einfacher als die Relativitätstheorie: Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, kein Mensch mehr. Das mag etwas überspitzt dargestellt sein, doch tatsächlich hängen mindestens 30 Prozent unserer Nahrungsmittel direkt oder indirekt mit der Bestäubung durch Bienen zusammen. Obstbauern beklagen schon jetzt den Bienenmangel, weil ihre Ernte davon spürbar betroffen ist.

 

Auf dem europäischen Kontinent sind 42 Prozent der Säugetierarten, 15 Prozent der Vogelarten und 52 Prozent der Süßwasserfischarten in ihrer Existenz erheblich bedroht oder stehen bereits kurz vor ihrem endgültigen Verschwinden. Es gibt viele Gründe, diesen bevorstehenden Verlust stoppen zu wollen: Respekt vor der Schöpfung, ethische Motive, der Umwelt- und Tierschutzgedanke oder der Wunsch, die Artenvielfalt und Ressourcen der Erde für kommende Generationen zu erhalten. Doch dass dabei auch wirtschaftliche Überlegungen eine Rolle spielen können, ist vielen neu und reicht maximal zu einer Randnotiz. Zu Unrecht.

 

Allein die etwa 100.000 Schutzgebiete der Erde, die noch relativ reich an Arten sind, versorgen uns Menschen mit Leistungen, deren Gegenwert Schätzungen zufolge 4,4 bis 5,2 Billionen US-Dollar pro Jahr beträgt. Das übertrifft die Summe der Umsätze aller Automobil-, Stahl- und IT-Unternehmen der Welt. Die weltweit schrumpfende Artenvielfalt wird ernsthafte ökologische, wirtschaftliche und soziale Folgen haben. Das ist auch das Ergebnis der „Grünen Woche“, die diesen Monat in Brüssel stattfand: Der Verlust der Artenvielfalt wird sich auf die Welt mindestens so fatal auswirken wie der Klimawandel, der diesen Prozess zusätzlich beschleunigt. Wie beim Klimawandel wären es die Armen der Welt, die am ehesten und massivsten die Veränderungen zu spüren bekommen, so die Warnung einer neuen Studie des UN-Umweltprogramms UNEP zur wirtschaftlichen Dimension von Ökosystemen und Artenvielfalt.

 

Dass der Verlust der biologischen Vielfalt so wenig Aufmerksamkeit erfährt, liegt wohl auch daran, dass die Zusammenhänge zwischen Menschen, Tieren und Pflanzen noch komplexer sind als die globale Erwärmung und ihre Auswirkungen. Außerdem ist der Wert der Natur schwer zu beziffern, wenn nicht gar unermesslich hoch für den Menschen. Der springende Punkt: kein Unternehmen der Welt kann die Dienstleistungen der Natur realistisch ersetzen. Was die Bienenvölker derzeit gratis leisten, entspricht jährlich einem Gegenwert von 150 Mrd. Euro pro Jahr, rechnete das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung vor.

 

Ihr 2002 ausgegebenes politisches Ziel, den Verlust der biologischen Vielfalt in der EU bis 2010 zu stoppen, haben alle Mitgliedstaaten verfehlt. Ein erschreckendes Ergebnis, das zeigt, wie viel mehr getan werden muss, um entsprechende Gesetze besser umzusetzen. Trotz der zunehmenden Umsetzung des Nachhaltigkeitsprinzips in vielen Geschäftsbereichen, haben auch erst wenige Unternehmer erkannt, dass Naturschutz nicht nur ein Thema für WWF, BUND & Co. ist. Die „EU Business @ Biodiversity Platform“ möchte das ändern indem sie u. a. Best Practice-Beispiele für den verantwortungsbewussten Umgang mit der Natur vermittelt und Preise für besonders nachhaltige Teilnehmer auslobt.

 

Die Generalversammlung der UNO hat das Jahr 2010 zum „Internationalen Jahr der Artenvielfalt“ erklärt, um stärker auf den Verlust der biologischen Vielfalt von Tieren und Pflanzen aufmerksam zu machen, gleichzeitig startete die EU eine Kampagne mit dem Titel „We are all in this together“ – Wir sitzen alle im selben Boot. Wir alle – ob Politiker, Unternehmer oder Privatperson – sollten das zum Anlass nehmen, genauer hinzusehen und unsere Entscheidungen mit diesem Hintergrundwissen gründlich zu bedenken.

 

 

Haben Sie zu diesem Thema Fragen oder Anregungen? Dann schreiben Sie mir bitte!

Mehr Informationen zu diesem Themenkomplex finden Sie auf den folgenden Seiten im Internet:

 

Aktionsplan zur Erhaltung der biologischen Vielfalt:

 

http://europa.eu/legislation_summaries/environment/nature_and_biodiversity/l28176_de.htm

 

Link zur EU-Biodiversitäts-Kampagne „We are all in this together“:

 

http://ec.europa.eu/environment/biodiversity/campaign/index_de.htm

 

Website der „EU Business @ Biodiversity Platform“ (Englisch):

 

http://ec.europa.eu/environment/biodiversity/business/index_en.html

 

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