September 2010/2

 

Oktoberfest und Co. – Feste und Bräuche in der Europäischen Union

 

„Es muss feste Bräuche geben“, erklärt der Fuchs dem kleinen Prinzen in Antoine de Saint Exupérys berühmter Erzählung. Auf die Frage des kleinen Prinzen, was „fester Brauch“ bedeute, erwidert der Fuchs: „Es ist das, was einen Tag vom andern unterscheidet, eine Stunde von den andern Stunden.“ So wie sich der Fuchs in Saint Exupérys Geschichte vom kleinen Prinzen nach festen Bräuchen und Gewohnheiten sehnt, kennen auch die Menschen in der Europäischen Union unzählige Traditionen und Bräuche, die bildhaft, sinnlich und emotional Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft miteinander verbinden und ein Gefühl von Heimat und Zusammengehörigkeit vermitteln.

 

Als ich letzte Woche direkt von einem Termin auf der Wiesn zur Plenarwoche nach Straßburg fuhr, behielt ich aus Zeitnot mein Dirndl an. Große Augen erwarteten mich im Parlamentsgebäude und hier und da ein Tuscheln. Vielleicht wirkte mein Outfit auf den ein oder anderen „hinterwäldlerisch“. Doch ich finde, dass man zu seinen heimischen Bräuchen stehen sollte. Jede Region in Europa kennt solche Traditionen und pflegt sie – mal mehr oder mal weniger intensiv – und manchmal sind sie sich sehr ähnlich. Dass ein bestimmter Brauch Landesgrenzen überschreitet, ist sogar eher die Regel als die Ausnahme.

 

So gibt es in Europa eine lange Tradition der Volksfeste, die zwar nicht alle so groß sind wie das Münchner Oktoberfest, aber nicht minder interessante Ursprünge und Geschichten haben. Sehr bekannt ist z. B. das Mittsommerfest, das in den nordischen Ländern und im Baltikum zur Sommersonnenwende gefeiert wird. Von der Bedeutung her stehen die Feierlichkeiten in diesen Ländern dem Weihnachtsfest kaum nach und erinnern an eine Mischung aus Osterfeuern und Maibaumaufstellen. In Schweden ist es üblich, am Mittsommerabend eine geschmückte Stange – den Mittsommerbaum – aufzustellen, um den herum getanzt wird, während in anderen Ländern Feuer entfacht werden, die je nach Glauben böse Geister fernhalten oder Gesundheit und Fruchtbarkeit fördern sollen. Der Aberglaube spielt dabei eine große Rolle und lässt besonders in Schweden die Astrid Lindgren-Romantik wiederaufleben. So wird nach wie vor erzählt, dass die Natur in der Mittsommernacht magisch sei: Elfen tanzen, Trolle treiben ihr Unwesen und der Morgentau der Mittsommernacht kann kranke Tiere und Menschen heilen. Sogar die Kraft der Weissagung wird Mutter Natur zugeschrieben: Unverheiratete Mädchen pflücken in der Nacht sieben Sorten wilder Blumen von sieben verschiedenen Wiesen, die sie dann unter ihr Kopfkissen legen. Der Legende nach träumen sie so von ihrem zukünftigen Ehemann.

 

Ein anderes Volksfest, das jedes Jahr am Mittwoch der letzten Augustwoche in der spanischen Region Valencia gefeiert wird, ist weniger bekannt, dafür aber umso skurriler. Bei dem Fest werden überreife Tomaten in einer Schlacht durch die Straßen geworfen, so dass regelrechte Flüsse aus Tomatensaft durch die Straßen fließen. Über die Ursprünge der sogenannten „Tomatina“ wird gestritten, sicher ist aber, dass der Brauch noch nicht besonders alt ist: erstmals fand er in den 1940er Jahren statt, möglicherweise ausgelöst durch einen Nachbarschaftsstreit.

 

In Luxemburg feiert man von Ende August bis Anfang September die Schobermesse, einen Jahrmarkt, dessen Geburtsstunde im Jahr 1340 liegt. Ursprünglich war die „Schueberfouer“ ein Viehmarkt, deshalb wird sie auch heute noch von einer Schafherde und deren Hirten eröffnet, die zu den Klängen des „Hämmelsmarsch“ (Hammelmarsch) durch die Stadt ziehen. Spektakulärer geht es im spanischen Katalonien zu, wo traditionell bei zahlreichen Festen Menschenpyramiden errichtet werden. Die Castellers genannten Teilnehmer steigen dabei jeweils auf die Schultern ihrer Unterleute, wobei bis zu zehn Ebenen hohe Pyramiden entstehen können. Der Ursprung dieser Tradition liegt im 18. Jahrhundert, als bei Tänzen die Pyramiden als Schlussbild dienten. Verschiedene Tanztruppen versuchten, sich gegenseitig in Höhe und Komplexität zu übertrumpfen, bis sich schließlich der Bau dieser Pyramiden verselbstständigte und sie seitdem auch ohne Tanz aufgeführt werden.

 

Aus dem 19. Jahrhundert stammt die heute vor allem noch in Estland, Lettland und Litauen verbreitete Tradition der Sängerfeste. Das wohl größte Fest dieser Art fand im August 1989 statt, als rund zwei Millionen Menschen eine 600 Kilometer lange Menschenkette von Vilnius über Riga nach Tallinn bildeten und gemeinsam sangen. Die „Singende Revolution“ im Baltikum trug nicht unwesentlich zur Auflösung der Sowjetunion im Jahr 1991 bei. Bis zu 100.000 Sänger kommen auch heute noch anlässlich dieser Feste zusammen. Seit 2005 ist in Lettland der Schutz, die Weiterentwicklung und Weitergabe der Sängerfesttradition an künftige Generationen sogar in einem eigenen Gesetz festgeschrieben.

 

Ein besonderer Feiertag, den ganz Europa kennt, ist der 1. Mai. Ob dabei in der Tradition der Walpurgisnacht („Tanz in den Mai“), der Arbeiterbewegung oder auch der Maiensänger in Belgien gefeiert wird, spielt keine Rolle, das Faszinierende ist vielmehr, dass ganz Europa gemeinsam feiert. Und – zu welchem Anlass auch immer: wir feiern gerne. Das ist vielleicht die größte Gemeinsamkeit und so gar nicht „hinterwäldlerisch“.

 

 

 

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