März 2011/2

 

Atomreaktorkatastrophe in Japan – was folgt daraus für uns?

 

Worte können den Schrecken nicht beschreiben, den die Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima I ausgelöst hat. Es ist das größte atomare Unglück seit der Explosion des Kernreaktors in Tschernobyl im Jahr 1986 und ruft uns schmerzlich in Erinnerung, wie wenig beherrschbar diese Technologie ist – selbst in einem modernen und hoch technologisierten Land wie Japan, der drittgrößten Wirtschaftsmacht der Welt.

 

Für mich ebenso schockierend war die Erfahrung, dass die in Deutschland ausgelöste Atomdebatte in vielen unserer europäischen Nachbarländer auf Unverständnis stößt. Der Technikglaube scheint unverwüstlich auf dem europäischen Kontinent – hier kann so etwas nicht passieren, scheinen unsere Nachbarn zu denken. Tschechien hält trotz Protesten an der Atomkraft fest und auch Frankreichs Premier Sarkozy lässt sich von den Demonstrationen in seinem Land wenig beeindrucken. Sein Sonderberater Henri Guaino kam gar auf die makabre Idee, dass die Katastrophe in Japan der französischen Atomindustrie nutzen könne.

 

Für die Briten, die eines der ehrgeizigsten Atomprogramme in Europa angekündigt haben, ist eine mögliche Kehrtwende in der Atompolitik nicht einmal Diskussionsthema und auch Bulgarien und Italien wollen an ihren Plänen zum Kernkraftwerksbau festhalten. Eine kritische Debatte, ob die Kernkraft für die Zukunft der Energieversorgung wirklich essentiell ist, findet auch in Schweden und Finnland nicht statt. Deutschland ist neben Belgien das einzige Land, das den Ausstieg aus der Atomkraft beschlossen hat.

 

In der gesamten EU sind derzeit 143 Reaktoren in 16 Mitgliedstaaten am Netz, weitere 53 stehen in Russland, der Schweiz und der Ukraine. Wenn nur in einem dieser insgesamt 196 Reaktoren eine Kernschmelze stattfände, wäre die gesamte europäische Bevölkerung betroffen.

 

Der Vorstoß Günther Oettingers, jedes Kernkraftwerk in der Europäischen Union einem gründlichen Test durch unabhängige Experten zu unterziehen, ist daher das Mindeste, was auf europäischer Ebene getan werden kann, um dieses Risiko zu verringern. Dabei muss von Naturkatastrophen über Flugzeugunglücke oder Terroranschläge bis zum Ausfall der Stromversorgung alles berücksichtigt werden, was bislang unter dem Begriff „Restrisiko“ verharmlost wurde.

 

Neben diesen Tests muss die EU für jedes Kernkraftwerk europaweit die gleichen strengen Sicherheitsstandards und einheitliche Prüf- und Genehmigungsverfahren einführen. Radioaktive Strahlung kennt keine Grenzen, deshalb ist es unverantwortlich, dass für tschechische, französische oder belgische Anlagen andere Vorschriften gelten als in Deutschland.

 

Um zudem die Abhängigkeit von Strom aus Kernkraftwerken zu senken, müssen wir verstärkt auf erneuerbare Energien setzen. Nach einer aktuellen Studie europäischer Verbände für erneuerbare Energien könnte der Anteil regenerativer Energien an der Energieerzeugung schon im Jahr 2020 bei 25 Prozent liegen. Dieses Potenzial kann aber nur genutzt werden, wenn der Ausbau der europäischen Netzinfrastruktur massiv vorangetrieben wird. In Deutschland fehlen bis zum Jahr 2020 beispielsweise 3.500 km an Stromleitungen. Ohne diese zusätzlichen Stromleitungen wird es nicht möglich sein, den Anteil erneuerbarer Energien im Strommix auf 20 Prozent oder mehr zu erhöhen. Auch intelligente Netze, die flexibel auf schwankende Einspeisungen durch Solar- oder Windenergie reagieren, können massiv dazu beitragen, den Ausbau erneuerbarer Energien zu unterstützen. Forschung und Entwicklung der Speichertechnologien sind ebenso gefragt wie Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz, damit die Stromversorgung gewährleistet ist.

 

Wie geht es nun weiter? Ich finde, wir Deutschen sollten mit gutem Beispiel vorangehen und zeigen, dass ein wirtschaftlich starkes Land mittelfristig auch ohne Kernkraft auskommen kann. Probleme bei der Sicherheit und die ungelöste Endlagerfrage machen deutlich: Atomkraft darf nicht mehr sein als eine Brückentechnologie auf dem Weg ins Zeitalter der erneuerbaren Energien. Darauf müssen wir auch in Europa hinwirken.

 

 

Haben Sie zu diesem Thema Fragen oder Anregungen? Dann schreiben Sie mir bitte!

Mehr Informationen zu diesem Themenkomplex finden Sie auf der folgenden Seite im Internet:

 

Reaktion der Kommission auf das Erdbeben und den Kernkraftwerks-Unfall in Japan (Englisch):

 

http://europa.eu/rapid/pressReleasesAction.do?reference=MEMO/11/177&format=HTML

 

Pressemitteilung des Parlamentausschusses für Industrie, Forschung und Energie (Englisch):

http://www.europarl.europa.eu/de/pressroom/content/20110315IPR15584/html/Stress-tests-for-Europe's-atomic-power-plants-after-nuclear-scare-in-Japan

 

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